Denkgesang und Liebeskummer

Aus den Reihen der Berliner Staatsoper unter den Linden stammen die Musiker des Tilia-Quartetts, das die im Sommer gestartete Konzertreihe der HIMS-Akademie fortführte. Foto: Paul

Tambach – Das zweite Konzert der im Sommer 2019 gegründeten HIMS-Akademie auf Schloss Hafenpreppach konnte nun im kühlen Spätherbst natürlich nicht mehr open air stattfinden. Da der Umbau der Orangerie zum Konzertsaal am Schloss gerade erst in die letzte Baugenehmigungsphase eintritt, suchte und fand man adäquaten „Ersatz“ in der Tambacher Schlosskirche, was Graf zu Ortenburg möglich gemacht hatte. Unter dem Motto „Vom Salon in den Konzertsaal“ kehrte man quasi ins Schloss zurück – im Gegensatz zum 18. und 19. Jahrhundert jedoch mit einer Veranstaltung für die Allgemeinheit, die nicht nur dem Adel vorbehalten blieb.

Mit Drinks und Häppchen konnte das Publikum vor Beginn, während der Pause oder im Anschluss in der Schlossremise verweilen, sich auf den Konzertgenuss einstimmen oder diesen nachklingen lassen.

Die dezent geschmückte Kirche bot den perfekten optischen und akustischen Rahmen für das „Tilia-Quartett“ aus Berlin, das Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Ludwig van Beethoven im Gepäck hatte. „Tilia“ – das lateinische Wort für „Linde“ gibt den Hinweis auf die Staatsoper „Unter den Linden“, wo die Vier in der Staatskapelle musikalisch zuhause sind.

Im Rahmen des Jubiläums 450 Jahre Staatskapelle hat Henrik Stein, Besitzer von Schloss Hafenpreppach und Initiator der HIMS-Akademie, verschiedene Ensembles aus diesem Klangkörper zu sich eingeladen. Nach einer gemischten Bläsergruppe im Spätsommer nun also ein Streichquartett: Eva Römisch und Andreas Jentzsch Violinen (die als Primarius alternierten), Wolfgang Hinzpeter, Viola, und Johanna Helm Violoncello. Sie setzen so quasi die Tradition der „Möserschen Quartettabende“ fort, die zur Zeit Goethes in Berlin musikalischen Genuss auf hohem Niveau bot. Die Emanzipation in der Biedermeierzeit brachte jetzt auch „normale“ Bürger in die Lage, sich damals noch fast druckfrische Werke der großen klassischen und aufstrebenden romantischen Meister anzuhören. Ganz im Goethe’schen Sinne stellte das Tilia-Quartett zwei unterschiedliche, dennoch thematisch durchaus miteinander verwandte Werke von Mendelssohn und Beethoven als „Dialoge von vier vernünftigen Leuten“ vor.

Der junge Mendelssohn war von Beethovens Quartetten begeistert – im Gegensatz zu seinem Vater, der sie als Werke eines „Phantasten“ abtat – und schrieb sich als 18-Jähriger 1827 die Enttäuschung über eine unerfüllte Liebe von der Seele, indem er sein eigenes Lied „Ist es wahr“ zitieren lässt, das Anfang und Schluss des Quartetts in a-moll op.13 bildet. Dazwischen ist vom dramatischen Ausbruch über ein schön fugiertes Adagio, ein hinreißendes Intermezzo und ein abschließendes Presto alles dabei, was man sich an Emotionen eines enttäuschten jungen Liebhabers vorstellen kann.

Beethovens Quartett op. 132 ein Spätwerk von 1825 – ebenfalls in a-Moll – und birgt in seiner Mitte einen ausladenden „Heiligen Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit“, der eben dieser Gottheit nicht nur Danke singt, sondern ihr auch nochmals alle Wirrnisse und Qualen vor Augen führt – typisch Beethoven eben. Der Beginn des Stücks zeigt neben strengen durchaus auch liebliche Episoden, die an die „heiteren Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“ aus der Sinfonie Nr. 6 denken lassen. Nach dem in lydischer Kirchentonart gesetzten Dankgesang leitet ein ironisierender Marsch schon fast in die Romantik eines Brahms über, bevor das Werk mit einem Allegro appassionato endet.

Brausender, lang anhaltender verdienter Beifall in der recht gut besetzten Kirche lockte die vier Künstler mehrfach nach vorn, doch verzichteten sie nach solch geschlossenem Programm klugerweise darauf, dem Publikum ein musikalisches „Zuckerl“ mit auf den Nachhauseweg zu geben.